Briefkasten

Beltz und Gelberg, Edition Anrich, 1996
144 Seiten


Inhaltsangabe

Merle ist ziemlich Schüchtern. Dabei platzt ihr fast der Schädel vor Gedanken, die ihr die Seele plattdrücken. Aber es fällt ihr schwer, darüber zu reden. Sie kriegt einfach den Mund nicht auf. Schreiben ist das schon einfacher. Deshalb ist das Geburtstagsgeschenk ihrer Patentante ein Knüller: jede Menge Briefpapier. Daß Merle die meisten Briefe, die sie schreibt, gar nicht abschickt, spielt eigentlich keine Rolle. Und sie schreibt unverblümt auf, was ihr durch den Kopf geht: von ihren Problemen mit ungerechten Lehrern, eifersüchtigen Freundinnen und mäkelnden Eltern. Aber auch von Markus, dem Freund ihres Bruders, den sie ziemlich mag ...

Rezension

Herzklopfen und ein tomatenroter Kopf
Die 14-jährige Merle kämpft gegen ihre Schüchternheit
Merle Fischers Welt ist eigentlich in Ordnung. Sie liebt ihre fürsorglichen Eltern sehr, hat auch mit dem älteren Bruder kaum Probleme und ist eine gute Schülerin – zumindest im Schriftlichen. Das Reden nämlich fällt Merle außerordentlich schwer, sie „lebt mit einem Dauerkloß im Hals“, wird immer gleich rot, wenn sie etwas sagen soll und schafft es manchmal sogar nicht, sich zu Hause zu artikulieren, geschweige denn in der Schule oder anderswo.
Deshalb ist Merle ganz glücklich, als sie von Tante Hella jede Menge Briefpapier zum Geburtstag bekommt. Sie verteilt sogleich die Farben – das helllilafarbene für Briefe an die Tante, das Recyclingpapier für die Freundin, das gelbe für Wutbriefe, das weiße für „die Regierung“ oder bedeutende Leute – und schreibt los. Endlich kann sie alles, was sie immer schon mal sagen wollte, loswerden, auch wenn sie den grössten Teil ihrer Briefe gar nicht abschickt. Die kommen in einen Karton, für später. „Damit ich sehen kann, wie es sich damals anfühlte, als ich noch so schrecklich schüchtern war.“
Nach dem Dialog-Roman „Input“ und der Brief-/Tagebucherzählung „Flunkerferien“ hat Nina Schindler nun einen reinen Briefroman geschrieben, eine Erzählform, die eine grosse Vertrautheit zwischen Merle, der Verfasserin der Briefe, und den Leserinnen herbeiführt und die dafür prädestiniert ist, eher seelische Erlebnisse und Entwicklungen ganz nah wiederzugeben statt viel Action zu transportieren. Ersteres geschieht auch in Merles Briefen, am meisten in denen, die sie nicht abschickt. Ganz besondere Bedeutung haben hierbei die Briefe an Markus, den Freund ihres Bruders, in denen sie zum ersten Mal Freund und Leid des Verliebtseins formuliert (rosa Papier), und die Briefe „von“ Amsel (zartgrünes Papier). Amsel (frz. merle) ist ihr alter ego, in dessen Namen sie sich selber schreibt. Klar, dass Amsel Souveränität, Selbstbewusstsein und Durchblick besitzt und die Dinge auf den Punkt bringen kann, all das, was die echte Merle bei sich so sehr vermisst. Mit Hilfe von Amsel und Markus – der zwar nicht in Merle verliebt ist, sie jedoch trotz ihrer Schüchternheit als gleichberechtigten und ernstzunehmenden Menschen behandelt und sie freundlich (manchmal etwas übertrieben „therapeutisch“) zur Offenheit ermuntert -, mit Hilfe dieser beiden also gelingt es Merle immer häufiger, das Wort zu ergreifen oder sogar ihre Wünsche verbal durchzusetzen.
Einige Worte zur Sprache des Romans: Es gibt Stellen, deren allzu aufgekratzt-süßer Ton mich etwas nervt („Ich drücke Euch noch mal ganz doll und küsse Euch dankedankedanke, weil Ihr mit dieser Fahrt erlaubt habt!“), und solche, die ich poetisch finde („Ich habe mir ein Gänseblümchen gepflückt, da, wo Deine Füße gestanden haben und es steht jetzt in einem Eierbecher vor mir auf dem Fensterbrett. Ich weiß, ich bin albern, aber ich stell mir vor, wie Dich das Blümchen an der Fußsohle gekitzelt hat und das finde ich lustig.“) Manchmal wirkt Merles Ausdrucksweise überfrachtet („Wahrscheinlich hatte ich einen Kopf so rot wie eine Fleischtomate mit Erdbeergeleedekoration“) und dann wieder ist sie erfrischend hart und direkt („Hab ich Dir von Konrad schon erzählt? Er ist ein frauenfeindlicher Arsch“.)
Das mag ich besonders an Nina Schindlers Geschichten: Ihre Protagonistinnen sind – Probleme hin oder her – moderne, tief drinnen starke Mädchen, Mädchen mit einem ausgeprägt weiblichen, gerechten Bewusstsein. Dass auch Merle dazu gehört, wird an vielen Stellen ihrer Briefe deutlich, etwa wenn sie im Politikunterricht über diese „junge Frau aus den neuen Bundesländern“ schreiben will, deren Ministerium dafür verantwortlich ist, dass in Merles Stadt ABM-Stellen gestrichen wurden und der Mädchenkreis daraufhin schließen musste. Oder wenn sie sich bei der Straßenbahn-AG darüber beschwert, dass sie als Schwarzfahrerin und Lügnerin abgestempelt wird, nur weil sie ihre Fahrkarte tatsächlich unterwegs verloren hat. Oder wenn sie sich in einem Brief an die Tante über das Dr. Sommer-Team aus der Bravo beschwert, das ihr eine so oberflächliche Antwort auf ihren ratsuchenden Brief geschickt hat.
In Briefkasten erfahren die Leserinnen, dass auch ein Mädchen mit privaten Problemen und Nöten durchaus imstande ist, zu den Themen des öffentlichen Alltags Stellung zu beziehen – und sei es auch nächst nur auf dem edlen weißen Briefpapier.
Eselsohr 2/97

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Schindler, Nina:
Briefkasten: [Merle schreibt meistens geheim] /
Merle schreibt Briefe. Da gibt es solche, die sie abschickt, und solche, die sie nicht abschickt, z.B. Briefe an sich selbst. So erfährt der/die LeserIn von ihrem größten Problem, nämlich extremer Schüchternheit, aber auch, daß sie sich verliebt hat. Dank Markus, von dem sie sich akzeptiert und bestätigt fühlt, kann sie ihre Schüchternheit überwinden; sie lernt, sich zu behaupten. Eine Fähigkeit, die sie sich auch dann erhält, als ihre Liebe zu Markus schon zerbrochen ist. Eigentlich ist es fast schon ein Klischee: schüchternes Mädchen findet in ihrer Verliebtheit zu mehr Selbstbewußtsein. Die Sprache der zarten, konventionellen Liebesgeschichte wirkt leider ein bißchen zu gewollt originell. Austauschbar, von daher überall möglich, nirgends dringend erforderlich. (IK: Freundschaft – Liebe)
III J O
ekz-Informationsdienst

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Nina Schindler: Briefkasten
Urteil: Empfehlenswert –geeignet – bedingt geeignet – ungeeignet für Jungen ab ... Jahren, für Mädchenab 12. Jahren
Merle ist verliebt, verliebt in den Freund des älteren Bruders, die „mit einem Dauerkloß im Hals lebt“ und die glaubt, daß niemand sich vorstellen kann „wie schrecklich es ist, wenn man immer gleich rot wird oder anfängt zu stottern, wenn man etwas sagen will.“ Das ist Merles großes Problem, ihre Schüchternheit. Ihre Umgebung geht durchaus liebevoll mit ihr um, ohne jedoch Verständnis für ihre Schwierigkeiten zu haben. Aber nun scheint es, als ob Merle selbst etwas tun kann, um ihre Schwierigkeiten zu behaben. Ihre Patentante hat ihr ganz viel Briefpapier in den unterschiedlichsten Farben geschenkt. Dieses Briefpapier beschreibt Merle, schickt die Briefe allerdings nicht alle ab, z.B. die Briefe an Markus, den Freund ihres Bruders, die schickt sie nicht ab. Aber sie schreibt sich ihren Frust von der Seele.
Merle ist 14 Jahre und natürlich hat sie alle die Probleme, die ein Mädchen in diesem Alter nun einmal hat. Schwierigkeiten in der Schule hat sie in erster Linie wegen ihrer Schüchternheit. Aber das ändert sich. Als sie sich zunächst einmal allen Frust von der Seele geschrieben hat, wagt sie es z .B. der Lehrerin entgegenzutreten, die ihr eine schlechte Zensur im Aufsatz gegeben hat. Die Lehrerin ist einsichtig und Merle triumphiert. Merle schreibt ihren zunehmenden Mut Markus Einfluß zu. Sie vermutet hinter Markus Freundlichkeit viel mehr Zuneigung, als der größere Junge eigentlich will. Auf einer Sommerfahrt platzt Merles Traum, aber es ist eine gute Freundin zur Stelle, die Merle wieder aufbaut. Und es ist sogar jemand da, den Merle bislang mit der falschen Brille gesehen hat und der jetzt plötzlich ein ganz anderes Aussehen bekommt.
Merle lernt in diesem Sommer. Sie trifft auf Menschen, die ihr helfen und Merle nimmt Hilfe an, sie ist bereit, sich helfen zu lassen. Aber Merle ist sowieso kein Trauerkloß. Sie ist eine liebenswerte Person, die von den Leserinnen ins Herz geschlossen wird, nicht zuletzt deshalb, weil die Leserinnen viele ihrer eigenen Probleme in diesem Buch geschildert finden und weil die Autorin sie so flott und locker darstellt.
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